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Leim unschuldig oder nicht? (Allgemeines)

verfasst von Martin Vogel Homepage E-Mail, Dortmund / Bochum, 05.01.2006, 22:12 Uhr

In der FAZ ist ein ausführlicher Artikel, der auch mal auf die statisch-konstruktiven Details der Eislaufhalle von Bad Reichenhall eingeht. Darin wird ein Versagen der Leimfugen von verschiedenen Fachleuten unterschiedlich bewertet.

Eberhard Pfütze, Diplom-Holzwirt bei BASF, schließt ein Versagen des Leims aus:
"Wenn das Dach undicht geworden ist, wird jedenfalls vermutlich nicht der Leim erweicht. Eine Klebstoffentfestigung ist Fachleuten nicht als Schadensbild bekannt. (...)
Der Leim, der für tragende Gebäudeteile verwendet werde und aus Aminoplast- und Phenolharzen bestehe, sei wärme- und feuchtigkeitsresistent - im Gegensatz zum Leim des täglichen Hausgebrachs. (...) Für den unwahrscheinlichen Fall, daß bei der Leimproduktion etwas fehlgelaufen sei, (...) hätte die Halle nach wenigen Tagen und nicht nach Jahrzehnten einstürzen müssen. Die Leimmischungen, die heute verwendet werden, seien im wesentlichen dieselben wie schon vor 35 Jahren, als die Eislaufhalle gebaut wurde."

Tobias Wiegand von der Studiengemeinschaft Holzleimbau in Wuppertal dagegen hält ein Versagen der Verleimung für möglich:
"Die Hohlkasten-Konstruktion (...) könnte schon dadurch brechen, daß die Stege kaputtgehen - dazu müssen nicht die Gurte brechen. Eine mögliche Erklärung könnte nun darin liegen, daß der Leim nicht mehr an das Holz anband. Das aus mehreren Einzellagen bestehende Schichtholz, das haltbarer ist als normales Holz, könnte sich in sich oder in der Verbindung der Seitenlamellen mit den Gurten gelöst haben. Denn erst recht auf ein sogenanntes Schmetterlingsdach wirkt unter der Schneelast besonders in der Mittelfalte großer Druck. So könnten die Seitenlamellen oder der Obergurt eines Trägers dem Druck von oben nachgegeben haben und in einer Kettenreaktion die anderen - mutmaßlich ebenfalls gelockerten - Hauptträger mit in die Tiefe gerissen haben."

Die Augsburger Allgemeine hat eine Fotostrecke veröffentlicht, auf deren Bildern zahlreiche Details der Konstruktion erkennbar sind. Michael Brandl von der Feuerwehr Freilassing hat zahlreiche Fotos im Feuerwehr-Weblog zur Verfügung gestellt.

Die Vermutung, der Badebetrieb hätte sich ungünstig auf die Holzkonstruktion auswirken können, ist wohl abwegig. In einem Stern-Artikel (Bad Reichenhaller Stadtrat: "Wir wollten warten, bis die ersten Fehler auftreten") ist eine Perspektivskizze des Gebäudekomplexes zu sehen, aus der hervorgeht, dass es sich um drei separate Gebäudeteile handelt. Zwischen der Eislauf-/Tennishalle und der kleineren Schwimmhalle befand sich das autobahnraststättenähnliche Restaurant, aus dem man einen Blick in beide Hallen hatte.

Zu der Halle gibt es noch zwei Fachaufsätze, die in der Deutschen Bauzeitschrift des Jahres 1975 (Nummer 10) und im Holzbau-Atlas 1978 erschienen.

In der Bibliothek der FH Bochum sind noch 6 Exemplare des Holzbau-Atlas 1978 ausleihbar (Signatur: JC 64)

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Dipl.-Ing. Martin Vogel
Leiter des Bauforums

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